Spotlight

März 2026

Panel 

    • Annabella Bassler, CFO Ringier & Initiator EqualVoice
    • Lydia Welzel, Head of Partner Business Development Helvetia Switzerland
    • Esther Roman, CHRO & Executive Commitee member Helvetia Baloise Group

Wie die Versicherungsbranche ihre weiblichen Talente neu entdeckt

Beim „EqualVoice United Community Event“ am Hauptsitz von Helvetia Baloise in Basel trafen sich Führungskräfte, um über eines der drängendsten Probleme der Finanzwelt zu debattieren: Warum ist die „gläserne Decke“ in der Versicherungswirtschaft immer noch so dick?

Es herrscht Aufbruchstimmung in den modernen Räumlichkeiten der Helvetia Baloise. Denn die Fusion von Helvetia und Baloise in der Schweiz ist mehr als nur ein technischer Akt. Es ist das Zusammenwachsen bei zwei Giganten auf dem Schweizer Versicherungsmarkt. Ein Merger, der die Versicherungslandschaft neu ordnet. 

Und so ein Wandel ist, wie es die Verantwortlichen vor Ort nennen, eine „Greenfield Opportunity“ – die Chance, auf der grünen Wiese alles neu und vor allem besser zu machen. Beim EqualVoice-United Community Event gab das neu geformte Unternehmen Einblicke in die Strategie von morgen, was die Themen Diversität, Inklusion und Frauenförderung angeht. 

Vor dem Einblick der Helvetia Baloise startete Annabella Bassler, CFO von Ringier und Initiatorin der Initiative EqualVoice mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für einen Kulturwandel in der Wirtschaft. Sie unterstrich, warum Sichtbarkeit kein „Nice-to-have“, sondern eine strategische Notwendigkeit ist. „Was man nicht sieht, kann man nicht sein. Sichtbarkeit entscheidet darüber, wer als glaubwürdig und relevant wahrgenommen wird“, so Bassler.

Bassler konfrontierte das Publikum mit ernüchternden Fakten: 82 % der Medienberichterstattung drehen sich nach wie vor um Männer. In der operativen Leitung der 100 grössten Schweizer Unternehmen sind immer noch die meisten Posten von Männern besetzt.

Basslers unterstützt einen Kulturwandel. Sie führte den EqualVoice-Faktor bei Ringier und anderen Medienunternehmen ein. Dadurch wurden Ungleichgewichte in der Repräsentation sichtbar gemacht. Neu und auch für Firmen ausserhalb der Medienbranche verfügbar ist der „EqualVoice Assistant“, ein KI-Tool, das Texte auf Gender-Stereotype prüft und für Pressemitteilungen, Social Media Posts, Jobausschreibungen und natürlich Medienartikel genutzt werden kann. 

Doch Technik allein reiche nicht. Für Bassler braucht moderne Führung eine Kombination aus „Power and Love“ – die Klarheit der Fakten gepaart mit der Fähigkeit, auch den leisen Stimmen im Raum Gehör zu verschaffen.

Die Probleme der Pipeline

Dass die Versicherungsbranche im Branchenvergleich bei der Frauenförderung oft das Schlusslicht bildet, verschwieg Esther Roman, Chief Human Resources Officer (CHRO) bei Helvetia Baloise, keineswegs. Im Gegenteil: Mit grosser Offenheit sprach sie über die „Leakage Points“ – jene Stellen in der Karriereleiter, an denen Frauen massenhaft aus dem System fallen. „Der erste Beförderungsschritt ist der kritischste Punkt. Hier verlieren wir das Potenzial, noch bevor es die obere Führungsebene überhaupt erreicht“, erklärte Roman.

Besonders spannend für das Publikum war es, als Roman über den Fusionsprozess sprach. Trotz aller Bemühungen verlor das Unternehmen im Nominierungsprozess für die neue Organisation rund 2 % der Frauen in Führungspositionen. Ein Rückschlag, den Roman nicht unter den Teppich kehrte: „In einer Welt, in der wir Geschwindigkeit über Perfektion priorisierten, haben wir gelernt: Wenn man Diversität nicht explizit in die Kernprozesse einbaut, fällt sie unter den Tisch.“

Wie dieser Einbau in der Praxis bei Helvetia Baloise aussieht, skizzierte Christine Bourson, Head of Leadership and Talent. Sie stellte konkrete Hebel vor, um die Pipeline wieder mit weiblichen Talenten zu füllen: So etwa mit dem „BRIDGE“-Programm: Ein dreimonatiger Einsatz in anderen Märkten oder Einheiten, um Netzwerke über Ländergrenzen hinweg zu knüpfen. Oder gezieltem Sponsoring statt nur Mentoring: Während Mentoren beraten, öffnen Sponsoren aktiv Türen. Ein Pilotprojekt mit 35 Bewerberinnen zeigte bereits erste Erfolge in der Sichtbarkeit der Teilnehmerinnen.

Insights vom Panel: Mut zur Unperfektheit

In der abschliessenden Panel-Diskussion, mit Lydia Welzel, Head of Partner Business Development, Esther Ramon und Annabella Bassler, moderiert von Manuela Bärtsch Forster, Head People Attraction & Diversity, wurde es persönlich. Die Frauen auf der Bühne waren sich einig: Karriere passiert selten durch Zufall, aber oft durch Menschen, die mehr in einem sehen, als man sich selbst zutraut.

Lydia Welzel beschrieb ihren Weg als eine Serie von Momenten, in denen sie Führungskräften folgte, die ihr Vertrauen schenkten. Esther Roman verglich dieses Vertrauen mit „Red Bull“ – es verleihe Flügel. Annabella Bassler riet den Talenten im Saal: „Geht die Extrameile, aber beansprucht dann auch die Bühne für euch. Claim your stage!“

Besonders beeindruckte Romans persönlicher Tipp für den Alltag: Der „10-Sekunden-Equality-Check“. Vor jeder wichtigen Entscheidung kurz innehalten und fragen: Wer ist von dieser Entscheidung betroffen? Werden unterrepräsentierte Gruppen benachteiligt?

Das Event in Basel machte deutlich: Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Talent-Pipelines werden nicht durch Hochglanzbroschüren gebaut, sondern durch messbare Zielvorgaben, die – wie bei Helvetia Baloise geplant – bis in das Bonussystem der Chefetage reichen.

Am Ende des Abends, bevor die Gäste zur Kunstführung in den Art Foyer und zum abschliessenden Apéro aufbrachen, blieb eine Kernbotschaft hängen: Es geht nicht darum, dass Frauen sich einem veralteten, starren Führungsmodell anpassen. Es geht darum, das Modell so zu verändern, dass Führung menschlicher, inklusiver und damit zukunftsfähig wird.

Oder wie Esther Roman es formulierte: „Talent-Pipelines werden von Menschen gebaut, die jeden Tag bewusste Entscheidungen treffen.“

Quelle: Stefan Mair